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Der Alkoholkonsum von Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter PDF  | Drucken |  E-Mail

Spielen soziale Faktoren eine Rolle?

 

Berufstätigkeit und Familie stellen eine Herausforderung dar, denen viele Frauen gegenüber stehen, die sie bewältigen müssen. Wie sie es schaffen, hängt entscheidend davon ab, wie sehr ein Land die Frauen beruflich fördert und eine entsprechende Kinderbetreuung bieten. Hier hat sicherlich Deutschland noch etlichen Aufholbedarf.

Wirken sich solche gesellschaftliche Faktoren und das Rollenverständnis der Frau in der Gesellschaft auf den Alkoholkonsum von Müttern aus?

Eine aktuelle Studie von "Sucht Schweiz" liefert hierzu neue Erkenntnisse, die in einer bemerkenswerten politischen Forderung münden: "Die Ergebnisse legen nahe, dass Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen den Alkoholkonsum von Müttern senken können."


Je mehr soziale Rollen, desto geringer das Trinkrisiko?

Die Untersuchung ging von der allgemeinen Theorie aus: Je mehr soziale Rollen man erfüllt, desto geringer ist das Risiko zu trinken. Und umgekehrt: Je weniger soziale Rollen man erfüllt, desto höher ist das Risiko zu trinken.

Sucht Schweiz erläutert dies: "Eine Person mit Partner, Kindern, Arbeitsstelle, sozialen und sportlichen Aktivitäten neigt weniger zu problematischem Alkoholkonsum als eine alleinstehende Person ohne Arbeit, ohne Hobbys und ohne Kinder. Die Forschung hat diesen Zusammenhang nachgewiesen und, auch wenn andere Aspekte wie beispielsweise der familiäre Kontext eine Rolle spielen, hierin ist sich die Wissenschaft einig."

Jedoch stellte sich bei einem Vergleich der Daten zum Alkoholkonsum von Frauen aus 16 Industriestaaten heraus, dass es erhebliche Unterschiede im Trinkverhalten der Mütter gab, die sich nicht durch diese allgemeine Theorie erklären ließen. Denn in einigen Ländern schützte die Häufung sozialer Rollen (Partnerschaft, Kinder, Beruf) die Frauen nicht vor erhöhtem Alkoholkonsum.

Daher forschten die Autor-innen der Studie nach weiteren möglichen Gründen für diese Unterschiede. Ihre Antwort lautet, dass das Trinkverhalten der Frauen zumindest zum Teil durch das jeweilige Rollenverständnis der Frau und durch den jeweiligen Stand der Gleichberechtigung der Geschlechter in den verschiedenen Ländern beeinflusst wird.

 

Die Gleichberechtigung beeinflusst den Alkoholkonsum

"In Schweden, das oft als Beispiel genannt wird, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter und die Emanzipation der Frau geht, funktioniert die Rollenhäufung als Schutzfaktor entsprechend der allgemeinen Theorie. Frauen in einer Partnerschaft, mit Kindern und einer Arbeitsstelle trinken tendenziell weniger – fast ein Glas weniger pro Tag, an dem sie trinken, - verglichen mit Müttern ohne Partner und Arbeitsstelle", berichtet die Studie.

Dagegen zeigte sich in der Schweiz, dass die Rollenhäufung hier weniger vor erhöhtem Alkoholkonsum schützt. Frauen mit Kindern, Partner und Beruf konsumierten etwas mehr Alkohol als Frauen mit Kindern und Partner, aber ohne Beruf. Eine Arbeitsstelle scheint hier keinen Schutzfaktor darzustellen, so die Studie von "Sucht Schweiz", die dann zu dem Ergebnis kommt:

"Die Daten der vorliegenden Studie zeigen, dass in Ländern, in denen die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbsarbeit gefördert wird, die konsumierte Alkoholmenge mit der zunehmenden Anzahl der sozialen Rollen, welche die Mütter erfüllen, sinkt.

Im Gegensatz dazu ist der Schutzfaktor gegen Alkoholkonsum bei der Kombination Erwerbstätigkeit/Mutterschaft in den Ländern schwächer, wo kaum Maßnahmen getroffen wurden, die Erwerbstätigkeit von Müttern zu unterstützen.

 

Traditionelles Rollenbild und Beruf als Stressfaktor fördern den Alkoholkonsum

Man kann also vermuten, dass in Ländern, in denen der Frau eine traditionellere Rolle zugeschrieben wird, die Schwierigkeiten größer sind, eine berufliche Karriere und Familie zu vereinbaren. Die Berufstätigkeit stellt in diesem Fall möglicherweise keine Bereicherung, sondern eher eine Notwendigkeit dar. Im Alltag die beiden Rollen als Mutter und Erwerbstätige zu vereinbaren, kann auch ein großer Stressfaktor sein, der zu einer Zunahme des Alkoholkonsums führt."

Als Maß für die Gleichberechtigung der Geschlechter wählte die Studie die Lohngleichheit. Da sich die untersuchten 16 Länder in sozioökonomischer Hinsicht nur sehr wenig unterscheiden, kann der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen als wichtiger Faktor für das Rollenverständnis der Frau gelten.

Weitere Untersuchungen müssen die Annahmen der Studie bestätigen und weitere Faktoren wie z.B. das Kinderbetreuungsangebot berücksichtigen, um die Aussagen noch weiter zu präzisieren.

Studie: Housewife or working mum – each to her own?: the relevance of societal factors in the association between social roles and alcohol use among mothers in 16 industrialized countries. Sandra Kuntsche, Ronald A. Knibbe, Emmanuel N. Kuntsche, Gerhard Gmel.  Addiction, 2011, Vol. 106, Nr. 11, S. 1925-1932

Quelle: www.suchtschweiz.ch/aktuell/pressemeldungen
Zitate: Simon Frey Mediensprecher, Sucht Schweiz.
JF 04/2012